Telematikinfrastruktur vor dem großen Umbau: Was TI 2.0 für KI-gestützte Praxis-Tools bedeutet
Die Gematik gibt offene Störungen der TI zu und plant mit TI 2.0 einen Neubau der Architektur – für Praxen, die auf ePA-Daten und KI-Anwendungen setzen, ein Thema mit direkten Folgen.
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Wenn eine Digitalagentur öffentlich sagt, ihr eigenes System stürze „unangenehm oft ab“, lohnt es sich zuzuhören. Genau das ist auf der Jubiläumstagung des Bundesverbands der Krankenhaus-IT-Leiterinnen und -Leiter in Berlin passiert. Dr. Florian Hartge von der Gematik brachte den Zustand der Telematikinfrastruktur (TI) auf den Punkt: „Die TI stürzt unangenehm oft ab. Das macht uns überhaupt gar keinen Spaß.“ Für Praxen, die zunehmend KI-gestützte Anwendungen in ihren Alltag integrieren – etwa zur Auswertung von Vorbefunden, zur Dokumentationsunterstützung oder zur strukturierten Aufbereitung von ePA-Inhalten –, ist das keine Randnotiz, sondern ein Infrastrukturproblem mit direkter Auswirkung auf die Zuverlässigkeit dieser Werkzeuge.
Die Zahlen hinter dem Eingeständnis
Die Gematik untermauert ihre Selbstkritik mit konkreten Daten. Über 1,5 Milliarden eingelöste E-Rezepte, fast eine Milliarde Nachrichten über KIM, rund 83.000 Einrichtungen, die E-Rezepte ausstellen können – die Nutzung ist enorm. Bei der elektronischen Patientenakte sind knapp 160.000 Institutionen angebunden, allein in einer Woche wurden 2,6 Millionen Dokumente hochgeladen. Doch mit steigender Nutzung wächst laut Hartge auch die Zahl kritischer Fehler – nicht linear, sondern „annähernd exponentiell“. Ein internes Strategiepapier der Gematik beziffert das für 2025: durchschnittlich 25 Beeinträchtigungen der TI-Nutzung pro Monat, davon 162 Störungen bei der ePA und 164 beim E-Rezept (heise.de).
Für den Praxisbetrieb sind das keine abstrakten Kennzahlen. Wenn Apotheken – wie kürzlich berichtet – einen ganzen Freitag lang keine Rezepte ausgeben können, weil beim Vertrauensdienstanbieter D-Trust Institutionskarten ausfielen, trifft das nicht nur die Apotheke wirtschaftlich, sondern unterbricht auch die gesamte Kette von der Verordnung bis zur Einlösung (heise.de). Für Praxen, die KI-Anwendungen einsetzen, um etwa ePA-Dokumente automatisiert zu strukturieren oder Medikationspläne gegenzuprüfen, bedeutet ein solcher Ausfall: Die zugrunde liegende Datenbasis fehlt, das Tool läuft ins Leere.
17 Schritte für ein Rezept – die Ursache der Komplexität
Hartge nennt die gewachsene Komplexität als Hauptursache. Um ein E-Rezept technisch einzustellen, sind 17 Schritte nötig, für die Einlösung noch mehr. Fällt einer dieser Schritte aus, gibt es kein Rezept. Die Architektur stammt aus den 2000er-Jahren: ein geschlossenes Netz, Konnektoren als VPN-Brücke, zertifizierte Kartenlesegeräte, kartenbasierte Identitäten. „Das würde man vielleicht heute nicht mehr so machen“, räumt Hartge ein. Hinzu kommt das Entwicklungstempo: Ein neues ePA-Release braucht derzeit bis zu zwei Jahre – bei diesem Tempo sei man mit der Wunschliste der Ärztinnen und Ärzte „vielleicht 2035 fertig“.
Das ist der Punkt, an dem TI 2.0 ansetzt. Ende vergangenen Jahres hat die Gematik eine Taskforce gestartet, die die Architektur grundlegend überarbeiten soll: softwarebasierte Dienste statt Hardwarekomponenten, digitale Identitäten statt Kartenbindung, Zero-Trust-Sicherheit statt geschlossenem Netz. Die Kette der 17 Schritte soll auf drei bis vier verkürzt werden. Neu ist, dass es in diesem Jahr erstmals produktiv wird: Der Proof of Patient Presence (PoPP) und der VSDM-Dienst in der Ausbaustufe VSDM 2.0 laufen bereits in der Pilotierung – wobei VSDM 2.0 zum Zeitpunkt der Berichterstattung selbst gestört war.
Was das für Ihre Praxis-IT bedeutet
Für Praxen und Kliniken, die heute oder in naher Zukunft KI-gestützte Werkzeuge in Kombination mit TI-Diensten nutzen, ergeben sich daraus drei praktische Konsequenzen:
Erstens sollten Sie Ausfallszenarien fest in Ihre Praxisabläufe einplanen. Solange die TI im Schnitt 25-mal pro Monat beeinträchtigt ist, ist ein Backup-Prozess für Verordnung, Dokumentation und Akteneinsicht kein Nice-to-have, sondern Voraussetzung für stabilen Betrieb.
Zweitens lohnt ein kritischer Blick auf jede Anwendung, die auf ePA- oder E-Rezept-Daten aufsetzt: Wie verhält sich die Software bei einem TI-Ausfall? Bricht die Verarbeitung ab, oder gibt es einen sinnvollen Offline-Modus?
Drittens ist der PoPP-Dienst besonders im Blick zu behalten, da er künftig Zugriffe auf die ePA absichern soll – ein Baustein, der auch für KI-gestützte Auswertungen von Aktendaten relevant wird, sobald diese produktiv laufen.
Die Gematik selbst verortet den eigenen Zielhorizont deutlich vor 2035. Bis TI 2.0 den Praxisalltag spürbar entlastet, bleibt Redundanz in der eigenen IT-Strategie der pragmatischste Schutz gegen die nächste Störung.